Die einstige Fernverbindung zwischen Bingen und der Kaiserresidenz Trier ist heute als "Ausoniusstraße" ausgeschildert und gehört zu den einzigartigen Kulturdenkmälern

Ausonius mochte den Hunsrück nicht. Als er im Jahr 368 auf der Römerstraße von Bingen nach Trier reiste, sah er nur "unwirtliche Wälder" und vermisste "Spuren menschlicher Zivilisation". Diese düstere Schilderung in der "Mosella" haben ihm die Hunsrücker nicht verübelt, sondern gedankt. Sie benannten die Straße nach ihm, weil er als erster Dichter ihre Landschaft erwähnte. Der römische Marschweg von einst ist heute eine Wanderstrecke.

Von Birgit Pielen

Viatores, sequimini vestigia Romana! Wanderer, folgt den römischen Spuren! So lautet das Motto des Marsches über den Hunsrück. Allerdings gehören heute statt römischer Sandalen gute Wanderschuhe zur Ausrüstung. Sonst könnten einem etliche Blessuren die 107 Kilometer von Bingen bis nach Trier verleiden.

Die Strecke ist in sechs Etappen, also sechs Tagestouren, eingeteilt. Am ersten Tag geht es los an der Burg Klopp in Bingen. Sie ist gleichzeitig Rathaus der Stadt, beherbergt ein Heimatmuseum und Fragmente römischer Meilensteine. Über die Drusus-Brücke geht es Richtung Bingerwald über Dichtelbach bis Rheinböllen (20 km).

Die zweite Etappe führt über Simmern nach Kirchberg (20 km), älteste Stadt des Hunsrücks. Als Ausonius das römische Mansio Dumnissus, das heutige Kirchberg, passierte, erschauerte er: "Die Erde dürstet", schrieb er, die Landschaft erschien ihm "ausgedörrt".

Weder dürstend noch ausgedörrt sollte der Wanderer seine dritte Tour starten. Sie führt nach Dill, Hirschfeld und Hochscheid (17 km) oder Horbruch (15 km). Nach 1,5 Kilometern lädt die Ausoniushütte zum Verweilen und Spielen ein. Hatten die römischen Soldaten Zeit zum "Nüssekullern"? Wohl kaum. Der Wanderer darf sich jedoch im Deltaspiel, bei Rund-Mühle und Nüssekullern üben. Der damals populäre Zeitvertreib wurde an der Schutzhütte nachgebaut - mit dünnen Baumscheiben und Kugeln.

Per Pedes die 2000 Jahr alte Ausoniusstrasse zu erobern ist ein Erlebnis für Natur- und Kulturliebhaber. Wer stramm marschiert, schafft es in sechs Tagen

Nur wenige Meter weiter steht ein rekonstruierter Straßenturm. Diesen Bau hat es tatsächlich nie dort gegeben, wohl aber hatten die Römer ähnliche Wachtürme zur Sicherung ihrer Straße errichtet. Wer den Turm über zwei Leitern besteigt, hat einen herrlichen Blick in das Kyrbachtal und auf die Burgruine von Dill, im 12. Jahrhundert eine Stammburg der Sponheimer Grafen (Foto unten).

Die vierte Etappe führt von Hochscheid (oder Horburch) nach Gräfendhron (20 oder 22 km). Vorbei am "Stumpfen Turm" an der Hunsrückhöhenstraße bei Morbach geht es nach Wederath zum römischen Belginum, das uns Ausonius verschwiegen hat. Belginum war eine bedeutende Römersiedlung. Hier verehrte man die keltische Epona, Schutzgöttin der Reisenden, und eine Quellgöttin, die im Landesmuseum Trier als Venus von Hinzerath zu besichtigen ist. Nahe Belginum hatten Archäologen vor Jahren ein reich ausgestattetes Gräberfeld entdeckt und erforscht. Heute zeigt dem ungeübten Auge nichts, dass Menschen vom vierten vorchristlichen bis zum vierten nachchristlichen Jahrhundert ihre Toten dort bestatteten.

Von Gräfendhron über Büdlicherbrück nach Fell (18 km) geht es am fünften Tag. Dabei kommt der Wanderer vorbei am "Berger Wacken", einem 15 Meter hohen Quarzitfelsen. Auf der Rückseite dieses Massivs befindet sich eine fünf Meter tiefe Höhle. Darin soll Räuberhauptmann Schinderhannes vor 200 Jahren sein Lager aufgeschlagen haben.

Die letzte und kürzeste Etappe (12 km) führt von Fell über Mertesdorf nach Trier, älteste Stadt Deutschlands. Als Ausonius vor fast 2000 Jahren im Gefolge des Kaisers Valentinian dort ankam, schrieb er seine Reiseeindrücke in dem berühmten Gedicht "Mosella" nieder.

Dass der damals 60jährige Dichter, der in Trier den Kaiser-Sohn Gratian erzog, später noch einmal über den ungeliebten Hunsrück reiste, ist nicht bekannt. Dass es heute viele tun, wäre wünschenswert. Denn diese alte Römerstraße ist ein einzigartiges Natur- und Kunstdenkmal, das mit seiner geradlinigen Führung von Bingen nach Trier staunen lässt über das Können dieser frühen Straßenbauer.


Die sechs Etappen sind :

  1. Bingen - Rheinböllen (20 km, 6 Stunden)
  2. Rheinböllen - Kirchberg (21 km, 6 Stunden)
  3. Kirchberg - Hochscheid (17 km, 5 Stunden)
  4. Hochscheid - Gräfendhron (20 km, 6 Stunden)
  5. Gräfendhron - Fell (18 km, 5 Stunden)
  6. Fell - Trier (12 km, 3 Stunden)
Literatur :
Heinz Cüppers (Hrg) - Die Römer in Rheinland-Pfalz
Theiss, 710 Seiten, DM 98.


Publiziert in :
Rhein-Zeitung, nr. 193, Samstag/Sonntag, 21./22. August 1999
Journal Freizeit, Seite 803
Text : Birgit Pielen
Fotos : Werner Dupuis

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